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Ernst-Edmund Keil
Selbstporträt
Ein Selbstportrait also soll ich liefern, und auf ansprechende und unterhaltsame Weise soll es auch noch geschehen? Ich muss gestehen, das tue ich, wenn ich es denn überhaupt tue, a) ungern, b) so zum erstenmal. Aber alles, sagt man, geschehe ja zum erstenmal. Doch was an diesem Leben unterhaltsam sein soll, das weiß der Teufel, wohl kaum etwas, außer meinen Humoresken und Satiren, die ich hin und wieder zu verfassen verführt werde, denn ich bin Rheinländer, die im übrigen literarisch nicht viel taugen, mal abgesehen von Heine und Böll.
Aufgewachsen in Düsseldorf, am Wallrafgraben, mit Blick auf die Düssel, mit Düsselwasser getauft, wenn auch geboren in Huckingen, was damals zu Düsseldorf, heute zu Duisburg gehört, aber ein Krankenhaus besaß, in dem ich, als Wunderkind, die Welt erblickte. Die Mutter hatte, wie ich später erfuhr, vor mir eine Fehlgeburt mit Folgeoperation, und ich hätte eigentlich gar nicht zur Welt kommen dürfen. Es war, wie gesagt, ein Wunder, obwohl ich, im Unterschied zu Mozart z. B., erst sehr spät zu komponieren begann, als schon andere, wie Rimbaud z. B., längst damit aufgehört hatten. Also aufgewachsen in Düsseldorf, aber das Dorf war zu meiner Zeit, vor dem Kriege, schon eine ansehnliche Stadt, so etwas wie Klein-Paris. Doch bevor ich als echter Düsseldorfer auf der KÖ(nigsallee) das Radschlagen erlernen konnte, wirbelte es mich mit dem Vater, der sein Zivil ablegte (als Prokurist eines Stahlwerkverbandes), auch die wenig getragene SA-Uniform und eine steile, militärische Karriere in der Wehrmacht einschlug, die mich und meine Eltern zu einem Nomadendasein verurteilte, durch die verschiedene "Gaue" und Provinzen des Reiches, vom sauerländischen Lüdenscheid ins westfälische Münster, von dort ins preußische Berlin, wo früh die Lichter ausgingen, bis ich, nach schrillem Sirenengeheul und bangen Nächten im Luftschutzkeller, auf höheren Befehl (des Vaters) zu Pflegeeltern nach Thüringen und Sachsen "evakuiert" wurde. Am Ende zog ich mit der Mutter, die Berlin nicht verlassen wollte und 1944 aus den rauchenden Trümmern der gutbürgerlichen Fünfzimmer-Wohnung (Berlin-Charlottendorf) geborgen worden war, zu Freunden nach Rosenheim/Bayern und kurz nach Kriegsende in die Münchener Dienstwohnung meines Vaters, der keine Orden mehr trug und keine weiße Uniform (des Luftwaffenoffiziers), was mir sehr lieb war, denn Vater hatte wieder Zeit für seine Hobbys, das war das Geigenspiel und das Malen, während zwei seiner Schwestern sich der Kunst des Klavierspiels bzw.des Gesanges ergeben hatten und die dritte der Malerei. Vor allem aber hatte er wieder Zeit für seinen einzigen Filius, der während des Krieges, den Vater in Frankreich verbracht hatte, ein Muttersöhnchen geworden war. Jetzt trampten wir zwei mit Fahrrad über die Dörfer und tauschten unsere letzte Habe gegen Mehl und Kartoffeln. Kurze Schulzeit in München, dann der eilige Rückumzug in die alte Heimat an der Düssel, für mich mit Zwischenstation in Aachen, wo ich vorübergehend bei meinen Tanten in einer bombengeschädigten Dachwohnung hauste.
Hier, im Dorf an der Düssel, schloss sich der Kreis der martialischen Wanderjahre. Mit den Eltern lange auf einem Zimmer lebend (und in einem Bett), besuchte ich die neusprachliche Oberschule bis zum Abitur. Hier schrieb ich, mit einem "Befriedigend" in Deutsch (meine Aufsätze fanden nie ein Ende und meine Orthographie war katastrophal), die ersten Verse, die niemand lesen, geschweige denn drucken wollte.. Erst in Bonn, wo ich mich, frei vom Elternhaus, das in Stücke zerfiel, weil die Eltern sich scheiden ließen und beide Teile wieder heirateten, einschrieb für Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte, wurden meine Gedichte, denen erste, handlungsarme Erzählungen folgten, auch veröffentlicht, in der Rheinischen Post (Düsseldorf), im Rheinischen Merkur, im Bonner General-Anzeiger, für den ich eine Zeitlang als Lokalreporter arbeitete, in der Kölnischen Rundschau, in Christ und Welt und in folgenden Jahren in zahlreichen Feuilletons, Zeitschriften und Anthologien.
Seit der Bonner Studienzeit schreibe ich und habe nie aufgehört zu schreiben, obwohl ich erst spät, nach meinen langen Spanienjahren, ein Buchautor wurde. Hier, in Bonn, wurde ich, durch die Kunstgeschichte und eine in sieben Wochen durch Spanien führende Exkursion (unter der Ägide des umstrittenen Heinrich Lützeler) mit spanischer Sprache bekannt, mit spanischer Kunst und mediterraner Natur. Hier, als Meisterschüler von Paul Tack, dem Bonner Sprechkundler, dessen Assistent ich wurde, trat ich, im Theaterhörsaal der Universität, das erste Mal als Rezitator auf (schon als Abiturient hatte ich mit einer Deklamation des Hamlet-Monologs, auf englisch, Eindruck auf die Prüfungskommission geschunden), später in vielen Sälen diverser Kulturinstitute und Schulen, wie dem Goethe-Institut, auch an Theatern, wie dem Euro-Theater in Bonn, mit klassischer und moderner Literatur, erst in späteren Jahren auch mit eigenen Texten, Ich legte, Großvaters Spuren folgend (der einst in Mainz ein bekannter Pädagoge gewesen) nach zwei Referendarjahren, in denen ich weiter schrieb, rezitierte, nach Italien und Spanien reiste, das Assessorexamen ab, konnte mich aber für den Staatsdienst an der Schule nicht erwärmen. Ich stellte mich, da ich inzwischen geheiratet hatte und mit Einzelveröffentlichungen und -auftritten eine Familie nicht ernähren konnte, dem DAAD (Deutscher Akademischer Auslandsdienst) zur Verfügung, der mich, auf meinen besonderen Wunsch,nach Valencia/Spanien entsandte, auf das Deutsch-Lektorat der Universität, das nach drei Jahren in die eigenständige Sección de Filología Moderna, integriert wurde, zusammen mit Englisch, Französisch, Italienisch und Arabisch. Ich trat aus dem Staatsdienst, wurde Leiter des Seminars für Deutsche Philologie, mit zwei spanischen Assistenten und (anfangs) zwei Dutzend Germanisten. Ich blieb ein halbes Leben. Mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft baute ich eine Bibliothek auf, machte Deutsche Literatur an der Uni (zweisprachig) und am Goetheinstitut durch regelmäßige Rezitationen bekannt, bald auch, da ich viel Spanisch lernte, um in der Fremde überleben zu können, durch Übersetzungen (in Zusammenarbeit mit spanischen Kollegen, z.T. namhaften Literaten): modernes deutsches Theater (u.a. Bertolt Brecht, Rolf Hochhuth und Peter Weiß), deutsche Prosa (u.a. Wolfdietrich Schnurre und Gisela Elsner), deutsche Lyrik (u.a. Stadler, Heym, Trakl, Eich und Nelly Sachs), die teils in der Revista de Occidente, Madrid, teils als Bücher in diversen spanischen Verlagen erschienen. Schrieb für eine philologische Zeitschrift. Später wurde, mit wachsenden Kenntnissen und Kontakten, auch Klassisches übersetzt, Gryphius, Hölderlin (2 Auflagen), Goethe, Novalis. Und für Deutschland übersetzte ich, auf Anregung spanischer Freunde, Theaterstücke von Miguel Mihura, Buero Vallejo, Alejandro Casona, Manuel de Pedrolo, zuletzt von Cervantes die "Numantia", einen Roman von Rodrigo Rubio (Premio Planeta), (erschienen als Hardcover und Taschenbuch), eine Auswahl aus den Erzählungen von Ignacio Aldecoa, eine zweisprachige Ausgabe der Oden des Fray Luis de León, die später, revidiert, mit einer expliziten Einführung des Düsseldorfer Hispanisten Paul Schrader herauskam. Auch sonst waren die Spanienjahre fruchtbare gewesen, Ich hatte eine große Familie, mit vier Kindern, zwei Mädchen und zwei Jungen, die spanische Vornamen trugen und spanische Schulen besuchten, hatte eine Eigentumswohnung in der Stadt, besaß ein kleines "chalet" in den Bergen von Gandía, in das ich anfangs mit einem Moped fuhr, später, nachdem ich das Fahren gelernt hatte, im eigenen PKW. Ich reiste nach Andalusien, nach Madrid und Barcelona, machte Urlaub in den Pyrenäen, auf Ibiza und Mallorca. Hatte Freunde, die ich heute noch habe. Ich habe meiner zweiten Heimat, Spanien, ein literarisches Denkmal gesetzt, mit Versen, die heute (deutsch/spanisch) drei Bändchen ausmachen die in einem Buch (unter dem Titel "Spanische Passion", Gedichte aus drei Jahrzehnten) demnächst erscheinen und mit einem umfänglichen Prosaband, aus dem eine Erzählung,, "Das Souvenir", im 1. Merianheft über Valencia erschien, für das ich auch die spanischen Texte vorschlug und übersetzte (u.a. von Blasco Ibánez, Azorín und Gabriel Miró). Doch am Ende der Spanienjahre hatte ich erste gesundheitliche Probleme, fuhr ich in die erste Kur, weil ich auf zu vielen Hochzeiten getanzt hatte und dafür nun bezahlen musste, u.a. mit Diabetes und einem angekratzten Nervensystem. Die Ehe kriselte, wir kehrten nach Deutschland zurück, was ich nicht hätte tun dürfen, denn hier bekam ich keinen festen Boden unter die Füße. Die Ehe wurde, nach drei Versuchen, sie zu "reparieren", geschieden. Ich arbeitete als Studienrat, Volkshochschuldozent, Rezitator, Theaterkritiker, versuchte mich als Zeichner und Maler (drei Ausstellungen) zuerst in Bayern (Allgäu), bevor ich endgültig ins Rheinland zurückkehrte, nach Bonn, wo ich tätig wurde als Lehrer am Abendgymnasium, als Cheflektor eines Literatur-Verlages, der betrügerischen Bankrott machte, später einige Jahre als Literaturreferent des Bundesinnenministeriums (dies bis zu meiner frühzeitigen, durch Krankheit bedingten, Pensionierung). Ich gab Lesebücher heraus, organisierte Seminare, schleppte Akten, rezitierte, fing an, in kleinen Auflagen und kleinen Verlagen meine Lyrik und Prosa zu veröffentlichen. Die Auflagen sind lang vergriffen, und die Verlage existieren nicht mehr. In Bonn gründete ich, zusammen mit Ludwig Verbeek, dem Philologen und Lyriker, die Bezirksgruppe Bonn im Verband deutscher Schriftsteller (VS), dem ich schon in Spanien angehörte wie auch dem Verband deutscher Übersetzer (VdÜ), redigierte mit L. Verbeek einige Jahre DIE KRIBBE, Bonner Zeitschrift für Literatur, Kunst und Wissenschaft, wo viele meiner neuen Texte erschienen sind. Verbeek war es auch, der zu meinem ersten Gedichtband, "Recuerdo - Zeilen der Erinnerung", mit Lyriktexten aus der Spanienzeit, das Vorwort schrieb. Es folgte der Gedichtband "Ende und Anfang", der Prosaband "Tod einer Puppe", die Flucht in die Eifel (Schuld), wo ich drei Jahre hängenblieb und zwei Lyrikbände schrieb und veröffentlichte ("Einladung nach Schuld I und II"), es folgte die Rückkehr nach Bonn bzw. Sankt Augustin b. Bonn, veröffentlichte die Spanienlyrik in zwei Bänden ("Licht der Levante I und II"), die Bonner Gedichte "Vernissage", Gedichte der Jugendjahre in Bonn, "Augenblicke früh", und den Jahreszeiten-Zyklus "Jahrentlang", es folgte der Erzählband "Hund mit Dame", mit ersten Satiren, und "Hommage a Kafka", ein Parabelbuch. Anerkennung blieb nicht aus. 1979 gewann ich den 3. Preis für Prosa in Siegburg, 1993 den 1. Preis für Prosa in Weinstadt/Baden-Württemberg, 1995 den internationalen Luxemburg-Preis (Intercity-Preis für Prosa) und im gleichen Jahr, für Lyrik, das Diploma di Merito Speziale in Benevento/Italien. Dem folgte ein neuer Lebensabschnitt mit einer neuen Partnerin, der ich an die untere Ahr folgte, auf meinen Alterssitz, erst nach Bad Neuenahr, später ins benachbarte Sinzig-Bad Bodendorf, wo ich heute noch lebe und schreibe, wenn ich nicht reise und meine Kinder besuche,von denen eines als Konferenzdolmetscherin (für Spanisch) in Brüssel lebt, ein zweites als Schauspieler in Magdeburg, ein drittes als Regisseurin des MDR (KIKA), ein letztes als Fernseh-Dramaturg und Producer in Berlin. Hier, im Spätasyl, wurde ich Gründer und Vorsitzender der LiterAHRischen Gesellschaft Ahrweiler e.V., gab die Literarischen Zeitung des Vereins heraus, leitete vorübergehend eine Kleinkunstbühne, auf der ich wöchentlich auftrat, veröffentlichte den Prosaband "Rückkehr an die Ahr", den Band I meiner Spanienprosa," In der Fremde zu Haus", die Satirebände "The Happy Birthday/Die Bayrische Witwe", und "Milch und Blut", schrieb doe ersten Theaterstücke (noch unveröffentlicht), übersetzte Fray Luis de León (s. oben), begann mit der Übersetzung des (von L. Bunuel verfilmten) Benito Perez Galdós-Romans "Nazarín" (unvollendet), begann mit einer Anthologie englischer Humoristen (17. - l9. Jhdt.) und spanischer Erzähler des 19. Jahrhunderts (beide noch unvollendet), machte meine ersten CDs und Videos, reiste nach Valencia, Mallorca, Italien, in die Türkei.. 2001 musste ich mich einer Bypass-Operation unterziehen. 2002 hatte ich einen Lehrauftrag an der Uni Valencia und verunglückte am Abend vor der Abreise mit Leihwagen im spanischen Küstengebirge, mit Glück wurde ich gesucht (sogar über Presse und Fernsehen), am dritten Tag durch einen Zufall (wenn es denn so etwas gibt) gefunden und habe so, wie durch ein Wunder, überlebt. Nach einem halben Jahr in spanischen und deutschen Krankenhäusern konnte ich im November 2002 wieder anfangen zu schreiben. Eine neue CD ist fertig (mit frühen Erzählungen von Thomas Mann), und seither entstand, wie in meinen Bonner Anfängen, Reimlyrik, ein Band, mit dem Titel "Endreime von Liebe und Krieg". Im Frühjahr 2003 wurde ich beim 2. Poeticus-Literaturwettbewerb mit dem 3. Preis für Lyrik in Spittal an der Drau/Österreich ausgezeichnet, im Herbst 2005 mit dem Preis für Lyrik des BIM auf der Bonner Buchmesse, in den Jahre 2003-05 mit einer Reihe von Anthologiebeiträgen, darunter auch etlichen in Sammelwerken der korsischen Edition Ponte Novu. Und einer US-Anthologie "Four works". Soweit, so gut, so schön. Doch inzwischen, auch als Folge des Unfalls, hat mich das Alter eingeholt, ich bin behindert an Händen und Füßen, die Zähne fallen aus, die Haare, ich seh ungern in den Spiegel, schlimmer noch, ich hör, ich seh nicht mehr gut, so dass ich mir kürzlich den grauen Star habe stechen lassen müssen. Doch die Hand führt noch die Feder. Es hört nicht auf, es geht weiter, und es gilt, noch einiges zu tun und vollenden. Ein Auftrag und eine Bestimmung.
Prof. Ernst-Edmund Keil hat an Ostern im Kurhaus Bad Bodendorf (Sinzig/Rhein), auf einer Veranstaltung des dortigen Kunstvereins (Bodendorf-Kreativ) sein neues Buch "Bodendorfer Gedichte 2000-2005", illustriert von Brigitte Stüber, (Verlag Meissner) der Presse vorgestellt. Eine zweite, stark erweiterte Auflage ist in Vorbereitung. Am 13.11. 05 erhielt er seinen 6. Literaturpreis, diesmal für Lyrik zum Wettbewerbsthema "Mythos Fremde", im Rahmen der Bonner Buchmesse, für sein Gedicht "Gleichnis.
Sein 5. Literaturpreis war ihm als Gewinner des Poeticus-Literatur-Wettbewerbes (Österreich) verliehen worden, gleichfalls für Lyrik, im Jahre 2003. In diesem Jahr erschienen auch seine Gedichte "Der Poet" u. "An Dich" in der Literaturzeitschrift "Gedanken-Fontäne" (Okt./Nov. 2003) hrsg. von Helene-Margarete Kreisel;. erschien ferner seine Erzählung "Angelito" in der Anthologie "Das Andere anders sehen - Begegnungen im Alltag (Free Pen Verlag Bonn); erschienen seine Satiren "Der Autor als Linkshänder", "Milch u. Blut" u. "Im Whirlpool und anderswo" in der Anthologie "Stellwerk" (Geest-Verlag); erschien seine Kurzprosa "Glück der Wiedergeburt" in der Anthologie "Wir wollen...den bewussten Augenblick" (Szenario Words, Bonn); seine Erzählung "Verlassen" in der Anthologie "Der falsche Tag"; erschienen seine Erzählungen "Ein Tod" u. "Ein Nachruf" in der Anthologie "Noch einmal leben vor dem Sterben" (alle in Edition Ponte Novu, Korsika), erschien sein Gedicht "Adventslied" in der Frankfurter Bibliothek (Jahrbuch für das neue Gedicht)
2004 erschien seine Erzählung "Die spanische Spinne" in der Anthologie "Es lebt - die 36 besten Geschichten der Story-Olympiade (Wurdack-Verlag); erschienen seine Erzählungen "Keine Idylle" u. "Der Nekrolog" in der Anthologie "Deutschland vor 30 Jahren" (Verlag textzeichen); seine Erzählung "Die Geige" in der Anthologie "Marzitöffkampanellchen", Rund um Weihnachten" (Gipfelbuch-Verlag); seine Erzählung "Meer der Meduse" in der Anthologie "Die Wasser der Zukunft" (Edition Ponte Novu), sein Gedicht "Phaselis/Antalya" in der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, Ausgewählte Werke VII; das Gedicht "Gut und Böse" in der Frankfurter Bibliothek; seine Gedichte "Ölüdeniz", "Xanthos", "Phaselis/Antalya°, "Was bleibt" in der von Gerberg Germann herausgegebenen Anthologie "Deutsche Lyrik der Gegenwart" (USA).
2005 erscheint sein Gedicht "Wo kommst du her" in der Anthologie "Frühlingserwachen (Herjo-Verlag); erscheinen seine Gedichte "Untergang" u. "Selbstvernichtung" in der Anthologie "Gedichte - best german underground lyriks 2004" (acheron-Verlag); erscheint seine Erzählung "Einstein" in der Anthologie "Doch seht wir leben - Vom inneren Widerstand - Zwangsarbeit 1939-1945 (Geest-Verlag); sein Gedicht "Augen-blicke I" in der Zeitschrift "Verstärker - Organ zur Rückkopplung von Kunst u. Literatur", Mai-Juli 2005 (verstaerker-online.de); seine Erzählung "Das Doppelzimmer oder Rache ist süß" in der Anthologie "Mordlust - Erotic Crime Stories" (Storia-Verlag); seine Erzählung "Augenblicke einer Kindheit" in der Anthologie "Erinnerungen - 30 Geschichten von 30 Autoren" (Lerato-Verlag); sein Gedicht "Granada" in der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, Ausgewählte Werke VIII; sein Gedicht "Marienlitanei" in der Anthologie "Liebestrauer" (Lerato-Verlag); erscheinen seine Gedichte "Gleichnis" und "Fremde" in der Anthologie "Mythos Fremde" (Free Pen Verlag); ferner hat er Veröffentlichungen von Lyrik und/oder Prosa in allen Heimatjahrbüchern des Kreises Ahrweiler sowie in allen Eifeljahrbüchern seit 1991 bzw. 1999.
Die Geige
Er stand im Dunkeln vor der Tür. Allein. Das Herz klopfte ihm bis unter den Hals. Und es machte ihm schreckliche Angst. Immer lauter klopfte es in der Dunkelheit, bis es dröhnte in den Ohren. Er hätte weinen oder schreien mögen. Aber er wusste, es war immer so und das gleiche: Vater war drinnen mit der Geige, und Mutter würde ihn gleich an die Hand nehmen. Und er würde mit ihr hineingehen, mit kleinen Schritten, in den festlich geschmückten Raum und würde erlöst von der Angst und mit ihnen singen unterm Lichterbaum. Es konnte nicht mehr lang dauern, eine Minute oder zwei, nicht mehr. Und Mutter war ja nicht weit. Sie hantierte irgendwo hinter ihm in der Küche und bereitete das Essen vor. Aber die Minuten wurden lang, eine kleine Ewigkeit. Er versuchte angestrengt, das Dunkel zu durchdringen, Konturen zu entdecken oder wenigstens einen Strahl, der aus dem Schlüsselloch fiel. Er wollte sich nicht bücken, nicht die heiße Stirn gegen den kalten, metallenen Türbeschlag pressen, um durch die enge Öffnung zu spähen. Es war ihm untersagt. Und er hatte bislang der Versuchung auch immer tapfer widerstanden. Nein, das wollte er nicht. Er suchte nur ein wenig Halt im nächtlich-flutenden Raum, wo sich nichts unterschied, sich alles vermischte und in eins verschwamm. Oder lag es daran, dass er so aufgeregt war vor Ungeduld und sein Blick nirgends halt machen konnte? Oder daran, dass die Erinnerung sich Jahr um Jahr ein gutes Stück weiter zurück tasten musste in die Vergangenheit? Und sie jedes Mal ein wenig hilfloser und unsicherer wurde und immer mehr das Gefühl für den Raum und die Zeit verlor?...
So viele Jahre, so viele Orte: Sie waren mehrmals umgezogen, die Stadt und die Provinz wechselnd. Die Erinnerung hatte nirgends Fuß fassen können und trieb wie ein Kork auf der Flut. Und was von der Brandung an den Strand gespült wurde, zersprang blasig, zerging, bevor er's noch greifen konnte. Ein Vorraum war wie der andere, eine Wohnzimmertür wie die andere. Der Versuch, Halt zu finden im Dunkel, wiederholte sich, wie die Angst mit allem, was zum Fest gehörte: Vaters Geigenspiel, das gemeinsame Singen, die Umarmungen, Glückwünsche und Tränen, das Suchen und Auspacken der unterm Baum sich stapelnden Geschenke, die Umarmungen und Danksagungen, endlich das gemeinsame Essen und Erzählen. Immer wieder. Und das hätte ihn doch beruhigen müssen wie alles, was jährlich mit roten Ziffern im Kalender stand und unfehlbar wiederkehrte. Aber es beruhigte ihn nicht. Es regte ihn vielmehr auf, als wär's das erste Mal, seltsam genug. Und das wollte heute, wo es dieses Dunkel und diese Angst doch gar nicht mehr gab, nicht in seinen Kopf...
Alle jene frühen Jahre dieselbe Angst und auch dieselbe Freude, die es nun nicht mehr gab, seit Vater tot und er selbst in die Fremde gegangen und alles anders geworden war. Sogar der Himmel über ihm, der sommers wie winters sonnig und blau war und nicht Schnee verhangen und dunkel. Nicht voller Geheimnis und Erwartung, wie damals, als er Jahr um Jahr klein vor der Tür stand mit klopfendem Herzen, bis sich Leere und Stille des dunklen Vorraums mit Musik füllten. Erst leise und von weither wie eine heran rollende Woge, die langsam wächst und sich dann mit letzter Anstrengung schäumend ans Ufer wirft, den Sand überrollend, seine Angst, das Treibgut des Jahres. Wie lang war es her!
Eine Tür ging auf. Glocken läuteten. Die vielen und schweren der Geburtsstadt am Rhein, die wenigen und leichten am Rand einer sauerländischen Kleinstadt. Die wuchtigen und erzenen Glocken von Berlin, bevor sie untergingen in Sirenengeheul und Feuerstürmen. Zaghaft und leise klang es aus der Zeit seiner Evakuierung, Dorfkirchenglocken aus Thüringen und Sachsen, und, noch kurz vor Kriegsende, aus dem ländlichen Bayern, als er wieder mit der Mutter zusammen war, die alles unter den Trümmern der Hauptstadt zurückgelassen hatte, bis auf ein Photoalbum, ein altes Bild, ein Wäschepaket.
Und von den Wertsachen war am Ende nur die Geige gerettet worden, die Vater 1940 nach Frankreich mitgenommen hatte und zurückbrachte mit der vom Atlantik zurückflutenden Hitlerarmee. Seine italienische Geige, die er Anfang der zwanziger Jahre für Goldmark erwarb, als er schwerverwundet aus einem englischen Kriegslazarett heimkehrte ins Zivilleben und heiratete. Sie hatte die Inflation überstanden, die Aufrüstung, den Krieg und die Abrüstung. Und Vater hatte sie auch dann nicht hergeben wollen, als sie hungerten und die Mutter auf den Schwarzmarkt ging und in die Seifenfabrik. Auch später nicht, als er, der Sohn, studierte und Geld fehlte für Bücher, Mensa und Miete...
Dafür klang sie alle Jahre wieder. Aber nur einmal. Wenn es dunkel wurde um ihn und die Glocken klangen im Land und die Kerzen am Baum brannten. Nur einmal. Denn Vater hatte, seit der Sohn auf die Welt gekommen war, keine Zeit mehr zum üben gehabt oder auch keine Lust, weil Mutter sich bei seinen Übungsläufen die Ohren zuhielt und er, der Knirps, zwischen Vaters Beine tretend, ungeduldig an dessen Hosen zerrte. Und Vater spielte auch nicht mehr im Quartett, sondern zog die Uniform an und kam abends erst spät vom Dienst, wenn er, winzig, schon in seinem weiß lackierten Bettchen lag und schlief. Und nach dem Kriege war Vater zu alt, zu krank und zu müde, um noch einmal mit dem regelmäßigen Üben anzufangen. So blieb es bei einem Mal im Jahr...
Wenn er lange genug vor der Tür gestanden hat. Im Dunkel. Mit klopfendem Herzen, das am Ende die vielen Glocken übertönen, bis auf einmal Stille eintritt. Tiefe Stille. Und die Tür sich öffnet wie von unsichtbarer Hand (hat Vater sie von innen leise aufgezogen, oder ist Mutter, ohne dass er es selbst bemerkt hätte, aus der Küche kommend hinter ihn getreten und hat sie sanft aufgedrückt?). Und jetzt hört er auch die Geige, erst leise, dann immer kraftvoller: "Macht hoch die Tür, die Tor' macht weit". So klingt es ihm in den Ohren, während er mit kleinen, zögernden Schritten über die Schwelle der geöffneten Tür tritt. Aus dem tiefsten Dunkel in den hellsten überirdischen Glanz, der ihn wie eine brandende Woge hochhebt und weiterträgt an das sichere Ufer. Da sieht er auch schon die tausend Lichter am Baum. Und oben an seiner Spitze den silbernen Engel mit den goldenen Flügeln. Und er weiß: Er, der all unsre Not zum Ende bringt, ist gekommen: Ein König aller Königreich', ein Heiland aller Welt zugleich. Noch in der bröckelnden Erinnerung des alten Mannes, der sich, ans Ende und an den Anfang denkend, in seine Schreibklause zwischen den Weinbergen an der Ahr eingeschlossen hat. Noch heute. Nach so vielen Jahren und Jahrzehnten. Seltsam genug, nicht wahr?
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