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Rudolf-Descher-Feder 2009






LAUDATIO

für die Rudolf-Descher-Preisträgerin 2009

Gabriella Hühn-Keller




Adam Keller hatte eine Lieblingscousine: Gabriella Keller.

Er hielt viel von dem 12-jährigen ungarischen Mädchen, das man ungefragt von Rábafüzes nach Deutschland verfrachtet hatte und das sich durch einen Lebenshunger auszeichnete, der genährt wurde durch die perfekte Mischung aus Intellekt, Vision und Realismus. Die wissenden Augen im Gesicht eines Kindes und die Worte, die es sprach, die Ziele, die es verfolgte, imponierten ihm. Als er ein paar Jahre später selber Vater wurde, war der erste Ehekrach perfekt, als er durchsetzte, dass seine Tochter nicht Judith sondern Gabriela heißen muss.

Die Tochter von Adam Keller steht heute hier und ist stolz darauf, die Laudatio für ihre Großcousine Gabriella Hühn-Keller halten zu dürfen! Obwohl diese die meistgehasste Person meiner Kindheit war. Immer wurde ich an ihr gemessen, selten hielt ich dem Vergleich mit ihr stand. Ich hatte ein heiliges Ziel:

Wenn DIE mir mal unter die Finger kommt, DANN MACH ICH SIE FERTIG!!!

Bereits vor der Wende ergab sich diese Gelegenheit. Leider war sie mir sympathisch. Ich verzeihe meinem Vater nicht nur posthum sondern gebe ihm nachträglich vollumfänglich Recht!

Gabriella Hühn-Keller wuchs nach der Vertreibung aus ihrer ungarischen Heimat zweisprachig auf. Sie hatte unter diesen Umständen frühzeitig zu lernen, eine eigene Identität zu finden und dabei einen Spagat zwischen alten ungarischen Traditionen und deutscher Lebensweise zu bewältigen. Ihr Focus auf die Dinge des Lebens ist also zwangsläufig ein weiterer, tieferer als der der meisten Menschen.

Gaby Hühn-Keller ist ein Mensch, der kleine Dinge als große Momente empfinden kann, ein Mensch, der Situationskomik besitzt, ein Mensch, der ohne Pathos tiefe Gefühle vermitteln kann. Dass ein solcher Mensch schreibt - aus innerem Antrieb, aus charakterlichem Muss heraus - liegt nahe. An wen wendet sich eine Heranwachsende frisch gekürte Siegerin eines Twistwettbewerbs, die gerne schreibt und nicht weiß, ob sie schreiben kann?! Selbstverständlich an den Deutschlehrer ihrer Handelsschule, die sie gerade absolvierte. Sein abschließendes Urteil über die Leseproben: "Mädel, mach das! Schreib! Lass dir von niemandem etwas anderes einreden! Du hast die Gabe, deinen eigenen Stil zu finden!"

Ihren eigenen Stil zu finden, war ein intensiver Lern- und Schaffensprozess. Sie unterwarf sich ihm kompromisslos. Mittlerweile ist er unverwechselbar geworden.

Anfangs arbeitete sie in der Standortverwaltung eines Militärflughafens bei Landsberg/Lech. Trotz oder wegen der 45-Stunden-Woche schreibt und malt sie, "der die Lyrik meist fertig zuflog", wie sie ihr Talent bescheiden herunterzuspielen pflegt.

Zwanzigjährig wird sie bereits in die Künstlergilde Landsberg-Lech-Ammersee aufgenommen. Ihre Bilder werden seither regelmäßig ausgestellt, ihre Lyrik und Prosa gern veröffentlicht.

Ein Kritiker beschreibt ihre Lyrik als "wunderbar zarte, gedämpfte, melancholische Verse".
Melancholie ist die wahrhaft dem ungarischen Naturell innewohnende Eigenschaft. Bei Gaby Hühn-Keller wird sie gepaart mit Loyalität, kompromissbereiter Ehrlichkeit, Einfühlungsvermögen und Leidenschaft.

Ein weiterer Kritiker beschreibt ihre Bilder als "empfindsam". Ein anderer sagt: "Sie sieht den Menschen und seine Welt mit den kritischen Augen der Malerin und malt sie poesievoll, wenn Wort und Bild zusammenkommen."

Ich sage: Gaby Hühn-Keller schreibt zum Laut- und Leiselesen. Ihr Stil ist durch sachliche Romantik und herbe Poesie geprägt. Ihre Gedichte lassen Raum für Hoffnung. Auch beim dritten und vierten Lesen eröffnet ein und derselbe Text von ihr immer neue Facetten. Sie ist eine Künstlerin, die den Scheinwerfer, der sie in ein gebührendes Licht zu setzen versucht, ergreift und auf andere lenkt.

Sie ist nicht nur begabte und leistungsstarke Künstlerin, sondern auch ein liebenswerter Mensch, auf dessen Persönlichkeit man Häuser bauen kann. Sie ist ihr eigener größter Kritiker. Ständig hinterfragt sie ihre Arbeiten, überdenkt sie. Ihr außerordentlicher Wissensschatz, ihr Intellekt und ihre Gründlichkeit in der Recherche lassen ihr Talent zur Blüte reifen.

Dies wird offenbar in Lyrikbänden wie "Schlangengebet" (den ich verschlungen habe) - "Zeitbrücken" - oder "Sensible Wesen" (den ich in meiner Wohnung ausstelle, wie meinen größten Schatz). Sie hat ihre Prosa in zahlreichen Anthologien veröffentlicht. Hochgeschätzt auch ihre langjährige Mitarbeit am Lyrikkalender. In der IgdA ist sie für die Aufnahmen von sage und schreibe 145 neuen Mitgliedern zuständig. Regelmäßig fungiert sie als Wahlleiterin.

Als Freiberuflerin legt sie in 30-jähriger dozentarischer Tätigkeit für die Volkshochschule, überwiegend als Leiterin eines Kreativprogramms für Senioren, Wert darauf, den gesamtdeutschen Sprachraum, auch die Heimatvertriebenen, zu Wort kommen zu lassen. Mit Senioren erarbeitet sie ein Koch-Lesebuch. Die Sammlung all ihrer Albumverse wird zum Band "Dies zur Erinnerung". Sie arbeitet an den umfangreichen Sammelwerken "Atlas Deutschland" und "Deutsche Geschichte" mit. Hierfür schreibt sie hauptsächlich Biographien deutscher Dichter und Maler.

Gaby Hühn-Keller beherrscht ihr Handwerk perfekt. Mehrfach preisgekrönt - aber was sind schon Preise - zaubert sie anlässlich eines Workshops eine vielbewunderte Siziliane aus dem Hut. Ich erinnere mich lebhaft ihrer Beschreibung des Jakobsweges, den sie vor einigen Jahren absolvierte. Ich muss heute noch über ihr Erstaunen darüber lachen, dass die Spanier offensichtlich ohne Weiteres alten Aberglauben und Katholizismus unter einen Hut bringen können, indem sie einfach zwischen die ketzerischen Hexensymbole an der Wand eines alten Wirtshauses ein christliches Kreuz hängten. Ich sehe sie vor mir, wie sie den Wasserhahn an einer Klostermauer bedient, aus dessen Öffnung zu aller Überraschung Rotwein fließt. Ich sehe sie tief bewegt neben der alten, spanischen Kirche auf einem Findling sitzen, der magische Kraft auszustrahlen scheint.

Ich sehe mich daneben stehen und höre mich sagen: "Ach, wenn ich doch könnte, was du kannst - so wie du es kannst!"

Und weil ich das nicht kann, stehe ich heute hier, ziehe den Hut und verneige mich vor der

Rudolf-Descher-Preisträgerin 2009

meiner - unserer - Gabriella Hühn-Keller!