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Rudolf-Descher-Feder 2004




VERLEIHUNG DER RUDOLF-DESCHER-FEDER 2004
AN BRIGITTA WEISS

LIED EINER HIRTIN

Liebe Brigitta,
es war 1989, bei einer IGdA-Tagung in Braunschweig/Wolfenbüttel, dass ich dir zum ersten Mal begegnete. Und zwar charakteristischerweise durch ein Gedicht. Ich hatte vor dem Treffen die letzte Ausgabe der IGdA genauer gelesen, und dabei war mir ein Gedicht aufgefallen als besonders poetisch, durch Dichte, Farbigkeit, etwas wie Duft. Es handelte sich um Wilder Mohn.* Nicht dein bestes Gedicht und auch nicht eines deiner mir liebsten, so lese ich nur die erste Strophe:

Wilder Mohn, du leuchtendrote Wunde, / Kimono aus leichter Sommerseide, / zarter Kuß aus jugendfrischem Munde / meines Tagtraums schönste Augenweide.


Da ich nach der Teilnehmerliste wusste, dass die Verfasserin anwesend sein musste, fragte ich nach dir und sprach dich an. Du freutest dich, dass dein Gedicht gefallen hatte, auf eine sozusagen schüchterne Weise, und es schloss sich einiges an poetischem und auch persönlichem Austausch an. Dabei hättest du eigentlich schon damals durchaus Grund zu selbstbewusstem Auftreten haben können, denn zwei Gedichtbände von dir waren vor kurzem erschienen, der erste Band bereits in dritter Auflage, und du warst eben mit dem begehrten Leserpreis der Gesellschaft der Lyrikfreunde (1988) ausgezeichnet worden, damals für dein Gedicht Metamorphose. Diesen Preis kann man nur gewinnen, wenn man auffällt unter vielen anonymen Gedichten - durch besondere poetische Dichte, durch etwas, was viele anrührt, durch Schönheit, Gehalt, wie auch immer. Damit bin ich wieder bei meinem Anfang - dem Auffallen unter vielem, unter auch nicht Schlechtem, auch Gedrucktem.

Liebe Brigitta, du bist immer wieder aufgefallen, gerade wo deine Gedichte in der Anonymität erschienen, nur für sich sprechen mussten. So gewannst du, ganz ungewöhnlich, den Leserpreis der Gesellschaft der Lyrikfreunde zum zweiten Mal (1995), diesmal mit dem Gedicht Kassandra. Und sogar dreimal warst du Preisträgerin bei den ähnlich ermittelten Preisen der Edition L - 1999 erhieltest du hier den ersten Preis. Wie oft du bei kleineren, internen Wettbewerben bei den ersten warst, weiß ich nicht - ich erlebte es zuletzt überzeugend beim Sterntreffen der Lyrikfreunde in Radstadt. In der letzten Buchveröffentlichung mit Gedichten von dir ist von sechs Lyrikpreisen und einigen Auszeichnungen die Rede, das Internet weist dich als Preisträgerin noch bei verschiedenen kleineren Gedicht-Wettbewerben aus.

So müssen wir von der IGdA uns eigentlich fragen, warum die Descher-Feder dir nicht früher zugesprochen wurde.

Nun, wir hoffen, dass sie dich auch jetzt noch freut. Und wer heute eine Laudatio auf dich hält, hat den Vorteil, dass er auf schon manches Geschriebene zu dir und deiner Lyrik zurückgreifen kann. Vielleicht auch den Nachteil. Eigentlich hätte ich nämlich meine Laudatio einfach aus Zitaten zusammensetzen können.

Das wollte ich aber nicht, und da es zu deinen späteren Lyrikbänden sehr gute und kluge Einführungen oder Vor- und Nachworte gibt, beschloss ich, mich besonders den frühen zuzuwenden. Denn das Unverwechselbare des Menschen, besonders auch bei Brigitta Weiss, ist wohl sehr früh angelegt.

Eine erste Kurzvorstellung mit Lebensdaten entnehme ich deinem ersten Preisband der Lyrikfreunde 1988: "Brigitta Weiss wurde am 30. Mai 1949 in Wetzlar (Hessen) geboren. Der Vater war Landwirt, und so wuchs sie mit zwei jüngeren Geschwistern auf einem Bauernhof auf. Nach ... dem Abitur 1967 studierte sie evangelische Theologie in Bielefeld, Frankfurt/Main und München. Als weitere Fächer belegte sie später ... in Gießen auch Germanistik und Anglistik. Aus familiären Gründen - ihre Heirat und die Geburt des ersten Kindes, verbunden mit einem Wechsel des Wohnortes - brach sie ihr Studium ab und lebt nun, inzwischen Mutter von drei Kindern, mit ihrer Familie in Bad Lauterberg im Harz." Zu ergänzen wäre heute: der Wohnsitz blieb unverändert, die Kinder studieren inzwischen alle auswärts, das Leben des Vaters und Ehemannes fand, ein großer Schmerz, 1998 ein plötzliches Ende.

Die Lyrik von Brigitta Weiss zeichnet sich vor allem durch die souveräne Beherrschung des Werkzeugs 'Sprache' aus. Es ist eine klar formulierende, stets ungekünstelte, überaus bildhafte und sehr musikalische Sprache. Wenn Brigitta Weiss den Reim verwendet - die meisten Gedichte der Autorin sind gereimt - geschieht dies nicht wie ein bloßes Spiel mit Gleichklängen. Auch wirkt der Reim bei ihr niemals ... als ein 'Ornament der Leere'. Er scheint sich vielmehr immer wieder wie von selbst einzustellen, so wie ein Echo auf den vorausgegangenen Ruf. Aber auch die wenigen ungereimten, meist nichtmetrischen Gedichte, heben sich durch ihre rhythmische Sprache wohltuend von vielen Erzeugnissen moderner Autoren ab", heißt es in der Begründung für die Verleihung des Leserpreises 1988.**

Eine fast überwältigende Produktivität durch viele Jahre - Brigitta Weiss schreibt seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr Gedichte, der Quell ihrer Dichtung scheint bis heute unversiegt - muss schon in sich beeindrucken. Die Sprache mit Rhythmus und Musik, mit Reim, Metrum und Bildern scheint ihr geradezu zuzufließen. Wohl könnten die Reime, die sie in ihren frühen Gedichten überwiegend verwendet, sowie die überkommenen kunstvollen Versformen, etwa des Sonetts, die sie mühelos zu beherrschen scheint, vielleicht hilfreich für den Fortgang eines Gedichts sein, von Zeile zu Zeile leiten. Doch die Bilder, die pulsierende, lebendige und drängende Fülle im Inneren, sind durch Reime nicht hervorrufbar.

Ich fragte mich nun: Was ist das Besondere der Lyrik von Brigitta Weiss? - Was ist es, das Leser immer wieder anrührte?

In ihrem ersten Auswahlband (zum Leserpreis 1988) fällt mir auf: Es handelt sich um sehr persönliche Gedichte. Bekanntlich spielt das "lyrische Ich" in Gedichten immer eine besondere Rolle (konkrete Poesie und sonstige moderne Sprachexperimente sind auszunehmen), wobei dies "Ich" aber häufig indirekt, in einer Form der Verschlüsselung erscheint. Die frühen Gedichte von Brigitta Weiss aber sprechen ganz unmittelbar, vielfach geradezu erzählend, von ihr selbst, von ihrem Erleben, ihren Sehnsüchten und Wünschen, ohne Verkleidung. Acht Gedichte der rund zwanzig des Preisbandes beginnen mit "Ich": "Ich spüre Verheißung ", "Ich habe Heimweh nach den Kindheitstagen ", "Ich will dich stets in meiner Nähe halten ", "Ich kenne eine wundersame Droge ", "Ich liebe lange Sonnenuntergänge ", "Ich möchte nicht im schwarzen Sarge liegen ...", "Ich möchte ein Kiesel im Flußbett sein ..." (ihr Preisgedicht 1988), "Ich sage Brot ..." (auf letzteres komme ich noch zurück). Das hat nichts mit Selbstbezogenheit zu tun - es ist die natürliche Form für ein nach außen drängendes intensives Erleben, Innenleben -, das sich mitteilen muss, und so, ungekünstelt und unmittelbar, den Leser "anspricht".

Vier der weiteren Gedichte beginnen mit "Du" oder "Dein" - auch dies ungewöhnlich. Zeichen hier für eine besondere Ausrichtung auf ein Du. Zuwendung, Hinwendung zu einem Du, Sehnsucht nach nächster Nähe, ja, Verschmelzung, drückt sich in vielen auch der späteren Gedichte aus - eine Sehnsucht, die oft unerfüllbar ist und die Seele immer wieder in schmerzlicher Unruhe hält.

Ein Drittes, das mir auffällt, ist die sinnenhafte Verbundenheit mit allem, was ihr in ihrer Lebens-Umwelt, zunächst vor allem der Natur, begegnet. Das beglücken kann, dem die geöffnete Seele aber auch ausgeliefert ist; auf andere Weise, als Rilke es in seiner Sensibilität erlebte (ich erinnere an sein Gedicht "Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben. / Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben"). Ich zitiere das obengenannte Gedicht Ich sage Brot:

Ich sage Brot - / ein Windstoß/ aus den Roggenfeldern / legt sich/ nach Erde schmeckend / auf die Zunge. / Ich sage Milch - / und fettiggrüne Weidegräser / schlagen beim/ Barfußlaufen / mir ans Knie? / Ich sage Herbst - / da saugt sich langsam / meine müde Lunge / voll an des Sturmes / Abschiedsmelodie. / Ich träume Veilchen -/ und ich rieche blaue Düfte / betäubend und mit/ Morgentau vermischt. / Ich träume Drachen - / und schon füllen sich die Lüfte / durch seidenen Papieres / Bunt verwischt. / Ich denke Leben - / und vernehme klare Töne / und etwas in mir / ohne Stimme singt. / Ich denke Sterben - / und ich weiß/ dass alles Schöne/ doch nur aus meiner Sicht / im Nichts versinkt.

Eine solche Fülle der mit jeder inneren Bewegung anstürmenden Bilder und Wahrnehmungen mit allen Sinnen muss ausgehalten und bewältigt werden. So etwas wird nicht gemacht, es geschieht. So wie die schönsten Gedichte nicht gemacht, sondern geboren werden. Von hier aus wohl haben die Gedichte von Brigitta Weiss die ihnen eigentümliche sinnenhafte Dichte.

Und noch etwas klingt in den letzten Zeilen dieses Gedichtes an, das zu Brigitta Weiss und ihrer Dichtung trotz aller Dunkel-Erlebnisse zu gehören scheint: ein Wissen um etwas, was über diese Welt und uns hinaus geht und letzte Geborgenheit ahnen lässt.

Von den frühen Gedichten zu dem Gedichtband Nachtmahd, 1999 erschienen, scheint es ein weiter Weg. Die schützenden festen Versformen sind hier weitgehend verlassen. Aus den früher meist unverschlüsselten Bildern sind Metaphern geworden, die vom Leser erst "zusammengereimt" werden müssen. Aber immer noch ist es Brigitta Weiss, die spricht. Noch immer, in den meisten Gedichten, das vibrierende Ich - das nun bittere, fast überwältigende Erfahrungen bewältigen musste und muss. Noch immer findet sich die besondere, intensive Hinwendung zu einem ersehnten Du. Und immer noch, auch in der Verknappung und Verfremdung, eine besondere Sinnenhaftigkeit der Sprache. Von einer "Erfahrungsdrangsal, die das schreiberische Entäußern unumgänglich werden läßt", schreibt Peter Gosse in seinem Klappentext zu diesem Band. Und in seiner ausgezeichneten, ausführlichen Einführung zu diesem Band schreibt Prof. Ekkehard Blattmann: "Kunst kommt nicht allererst von Können, denn dieses ist erlernbar ... Kunst kommt zuvörderst von Müssen. Dieses ist nicht zu üben, ist nicht erlernbar, sondern ist eine Not, die sich in ein Material entäußern muß ... Brigitta Weiss ist nach dieser Definition eine authentische Künstlerin."

Ein weiterer Lyrikband, Härmelin, erschien im Jahr 2000, mit zum Teil erschütternden Gedichten besonders im ersten Teil. Mit ihrem bisher letzten Buch, Gedichten zu Fotografien, wagte sich Brigitta Weiss in Neuland, das Buch wurde von Rüdiger Jung ausführlich in der letzten Ausgabe unserer Zeitschrift besprochen. Alle Bücher von Brigitta Weiss lohnen das Lesen, Begegnen.

Ich muss zu einem Ende kommen, zum Glück nicht zu einem Abschluss. Denn das Werk von Brigitta Weiss ist ja hoffentlich noch lange nicht abgeschlossen, und nichts von dem, was ich gesagt habe, soll und darf die Wege, die vor ihr offen bleiben müssen, stören oder beengen.

Liebe Brigitta, die Rudolf-Descher-Feder, die dir heute verliehen wird, ist für das, was hinter dir liegt. Ich nehme nicht an, dass dies dein letzter Preis sein wird. Wir freuen uns, dass du heute hier bist, dass du zu unserer Autorengemeinschaft gehörst, schon seit vielen Jahren.


Gabriele von Hippel-Schäfer


*Das Gedicht Metamorphose findet sich abgedruckt auch in dem Preisband 1988 der Lyrikfreunde und in dem Preisband der Edition L, Nachtmahd, 2000, S. 18.
**Meine kleine Lyrikreihe: Ausgewählte Gedichte von Brigitta Weiss, Leserpreis 1988, und anderen. Bd. 8, Innsbruck 1989.

Weitere Veröffentlichungen: Treibsand. Sonnenreiter 1988; Irrlicht. Sonnenreiter 1989; Aufwind. Sonnenreiter 1990; Härmelin. Historische Edition Dieter Carl, 2001; Die Nähe der Unendlichkeit (Lyrik zu Uwe H. Schmidt, Photographie), 2003.