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Rudolf-Descher-Feder 2003





VERLEIHUNG DER RUDOLF-DESCHER-FEDER 2003
AN LIANE PRESICH-PETUELLI


Wenn heute Liane Presich-Petuelli die Rudolf-Descher-Feder überreicht bekommt, wird eine Künstlerin geehrt, deren Talent sich auf drei Säulen stützt: auf die der Musik, der Graphik und der Literatur.
   Wo Lianes Begabungen liegen, da liegen auch ihre Aufgaben. Diesem Grundsatz ist sie Zeit ihres Lebens treu geblieben, hat in allen drei Sparten in der Kunstwelt Anerkennung gefunden und Auszeichnungen erhalten, schreibt literarisch orientierte Zyklen nach Haydn, Schubert, Hesse, Morgenstern und anderen, die Illustrationsreihen von Naturalismus bis Abstraktion aufweisen.
   Die vielseitige Künstlerin lebt in ihrer Geburtsstadt Eisenstadt/Burgenland und in Wien, war eine erfolgreiche Pädagogin, unterrichtete unter anderem Musik und Geschichte, ist Mag. Art, wurde mit dem Titel Oberstudienrat und Professor ausgezeichnet.
   Da die Jugend lieber angeregt als belehrt werden will, hat sich Liane durch ihre natürliche Art nicht nur die Zuneigung, sondern auch die Achtung ihrer Schüler erworben, die ihr bis heute erhalten blieb, wie man bei Lesungen in ihrer Heimatstadt beobachten kann.
   Liane Presich-Petuelli hat einige Bücher veröffentlicht. Ihre Lyrik ist gekonnt verdichtet, die Worte sind gewählt, abgewogen, sie schaffen Bilder und verstehen es, beim Leser und Zuhörer Stimmungen hervorzurufen und bleibende Eindrücke zu vermitteln, getreu dem Grundsatz der Naturphilosophen, für die Natur verkörperter Geist ist und Geist beseelte Natur.
   Eine Dichterin, die versucht, bei der Gestaltung ihrer Gedichte zu einem Kompromiss zwischen Tradition und neuen modernistischen Prinzipien zu gelangen. Eine Lyrik, die immer auch Musik bedeutet. Dem Lesenden soll das Aufnehmen eines Gedichtes wie Atemholen sein, ein Schritt in etwas zeitlos Gültiges.

Ein Gedicht aus dem Buch Aus Schere und Feder:

VOR EINEM NEUEN GEDICHT

Dein Rhythmus schwingt in mir wie Glockenton.
Ich bin gefangen, kann mich nicht befrei'n;
den Sinn umzingeln neuer Worte Reih'n,
und neue Bilder tragen mich davon.

So gleitet Stund um Stund. Ich bin nicht mein,
bin Beute einer unbarmherzigen Kraft,
die mir Berauschung und Bedrängnis schafft,
die mich zu Boden zwingt wie Faust und Stein,

mich trägt mit Flügeln höhen-, himmelwärts
Ich fühle klein und groß, bin Geist und Kleid,
Ansturm und Schoß, Gefäß und Inhalt:
bin für dich bereit.


Beispiel eines reimlosen Gedichtes:

In der Maskierung
des Alltags
hüte ich verborgene Welt
setze behutsam Gewichte
auf die empfindliche Waage
innerer Harmonie


Ein Naturgedicht, das die Autorin als streng rhythmisch mit Reimklang als Gegenströmung bezeichnet:

ENTKRÄFTETER MORGEN

Septemberbleich die Himmelswand
Reifpelz auf schlaffen Gräsern taut
Verfrösteln kriecht um Stirn und Hand
die Amsel, die mich keck beschaut
sie flüchtet mit erschrecktem Laut
ein fremdes Bild ist mein Gesicht
im Teich, von Nebel noch umgraut
ertrinkt das erste Sonnenlicht.


Liane Presich-Petuellis Prosa ist einfühlsam, klar und verständlich und unterliegt nicht jenem Zeitgeist, der sich wandelt wie die Mode. Aus ihren Erzählungen - auch in realistischen Passagen - sind immer auch die leisen Töne herauszuhören. Ihr Gesamtwerk ist eine feinfühlige Interpretation menschlicher Beziehungen.
   Eine der eindruckvollsten Geschichten ist die Erzählung "Nachtfahrt", die in Radio Burgenland vorgestellt wurde. Zwei Menschen begegnen einander bei einer nächtlichen Bahnfahrt und empfinden die zufällige Begegnung als eine Fügung des Schicksals und als unverhofftes Glück. Ein Glück, das aber dem grellen Licht des Morgens nicht standhalten kann.*
   Die Begabungen einer empfindsamen Dichterin kennen viele Variationen, ein Beweis dafür sind die humorvollen Texte, die Liane geschrieben hat. Sie hat zahlreiche Anthologien und Bücher von Kolleginnen und Kollegen mit kunstvollen Scherenschnitten und Federzeichnungen illustriert und als Pianistin zum Gelingen vieler Festabende beigetragen, ist unermüdlich künstlerisch tätig, veranstaltet Leseabende in ihrer Heimatstadt und in Schlössern des Burgenlandes, stellt im In- und Ausland ihre Bilder aus, die inzwischen die Zahl Tausend überschritten haben.

Als eine ihrer langjährigen Freundinnen ist es mir ein Bedürfnis, nicht nur über die Künstlerin, sondern auch über den Menschen Liane Presich-Petuelli einige Worte zu sagen:
   Liane ist trotz ihrer großen Talente bescheiden geblieben und bemüht, nicht nur für ihre Familie - für Ehegatten, Söhne und Enkelkinder -, sondern auch für ihre Freunde dazusein, wenn sie ihrer Hilfe bedürfen. Das gilt sowohl für den privaten als auch für den künstlerischen Bereich. Sie hat immer wieder neue Ideen, ist kreativ, und es ist ein Vergnügen, mit ihr zusammenzuarbeiten. Was sie tut, tut sie - wie es scheint - mit einer gewissen Leichtigkeit, wie die meisten hoch talentierten Künstler, die es nicht nötig haben, die Stimme zu erheben, um auf sich aufmerksam zu machen. Denn nicht nur die Wissenschaft, auch die Kunst verjüngt die Seele und mildert die Bitterkeit des Alters, dem wir alle früher oder später ausgeliefert sind.

Liebe Liane, wir sind glücklich, dass es dich gibt und dass wir ab und zu ein Stück des Weges mit dir gehen dürfen und gratulieren dir herzlich zu deiner Auszeichnung.

Hilde Peyr-Höwarth


* abgedruckt in "aktuell" Heft 3/4 (2002)