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Rudolf-Descher-Feder 2002





VERLEIHUNG DER RUDOLF-DESCHER-FEDER 2002
AN GABRIELE VON HIPPEL-SCHÄFER


LIED EINER HIRTIN

Der den ich liebe
um ihn reicht mein Arm nicht

Laut aller Geliebten
in seiner Stimme
ruft von Ewigkeit Antwort
aus meinem Herzen

Er suchte mich schon
in den Weinbergen des Libanon
und das Glück der Braut
bebt jahrtausendeherwärts zu mir

was vor uns begann
wir enden es nicht
unauslotbar bleibt uns der Brunnen
aus dem wir Freude schöpfen


Laudatio

Aufbrechen der Schneckenhäuser ... verletzlich das Fleisch, kein Versteck mehr als Heimat - noch mag es schmerzen. Dein Haus muss die runde Erde sein ... Heimat nie mehr Versteck.

Gedanken zitiert aus Gabriele von Hippel-Schäfers Gedichtband Aus dem Dachfenster gesehen, 1996 in der Edition L bei Czernik erschienen. Ein Gedicht, das uns gerade nach den jüngsten Schrecken der Fluten Gabriele von Hippel-Schäfer sozusagen in nuce zeigt.

Ein Gedicht geschrieben nach langer Lebenszeit, intensiv gelebter Zeit, von einer verletzlich gebliebenen Frau, die bereit ist, die äußeren Geschehnisse in ihr eigenes Leben hinein zu nehmen, widerstrebend sicherlich oft, schwer für diese kluge, feinsinnige Frau, die sich andererseits den Verletzungen, den Brüchen, den Belastungen nicht versagt hat. Die mutig schließlich ihren starken Wunsch, sich zurückzuziehen, im Innern zu leben, aufgegeben hat nicht nur für die Menschen, die sie liebt, kein Versteck mehr als Heimat, noch mag es schmerzen.

Hoffnung im "noch". Und Ausblick: Dein Haus muss die runde Erde sein. Die ganze Erde also, rundum, Wegsehen gilt nicht. Schnecke, der Wind weht! Wüstensand, Gletscherkälte in seinem Atem. Nahe Nöte aus allen Fernen der Welt, heißt es weiter. Sie weiß um die Not, langsam wird es voran gehen mit uns Menschen, mit unserem Miteinander schneckengleich, Wüsten und Gletscher begleiten uns mit Hunger, Durst und Kälte. Die Not ist ganz nahe herangekommen. Dein Haus muss die runde Erde sein. Aufbrechen der Schneckenhäuser. Nur so können wir menschlich miteinander weiterleben.
Neben ihrer ethischen Grundeinstellung wird in diesem Gedicht, so scheint mir, offenbar, was Gabriele von Hippel-Schäfers dichterisches Werk auszeichnet. Mit hoher Präzision und unverbrauchten Bildern drückt sie ihre Gedanken aus, lyrisch gekonnt verdichtet, jedes Wort ist kritisch gewogen worden, keines ist zuviel. Trotzdem bleiben ihre Gedichte verständlich, sie bleibt nahe an der Wirklichkeit, nur erscheint uns diese plötzlich neu erfahren. Eine Zwischenwelt wird sichtbar, das Wesentliche, erschaffen durch den Kontext der Sprache. Ich denke an ihr schlicht erscheinendes Gedicht: "Gras im Wind": Über die Wiese / geht Wehn. / Im Beugen der Halme / siehst du / den Unsichtbaren.

Gabriele von Hippel-Schäfer hat in vielen Gedichten ihrer inneren Nähe zu Gott Ausdruck gegeben. Dass unsere Angst vergehen kann, "wenn wir begreifen, dass unsere Geschichte und die Geschichte der Erde von derselben Hand geschrieben werden", wie Paulo Coelho es ausgedrückt. Nicht von ungefähr hat Gabriele von Hippel-Schäfer über Meister Eckhart promoviert.

Sie hat das Prinzip Hoffnung oft in ihrem Leben erfahren. In einer behüteten Kindheit in den schwierigen dreißiger und vierziger Jahren (sie ist am 10. April 1927 in Heidelberg geboren, ein hartnäckiger Widder also, das wird ihr geholfen haben!). In der Kindheit im ostpreußischen Königberg und ebenso beim häufigen Ortswechsel, wenn ihr Vater als Professor an eine andere Universität berufen wurde. Immer ein neues Eingewöhnen, die Erfahrung fremd zu sein, für Kinder besonders schwer zu ertragen. Aber, wenn es glückte, auch die Erfahrung der eigenen Stärke, des Vertrauens in sich selbst.
Sie studiert in Göttingen und Bonn und geht anschließend als Lektorin für deutsche Literatur nach Cambridge. Wer weiß, vielleicht klangen ihr Heinrich Heines Worte im Ohr "Fort, fort von hier, / es sieht das Aug' die Türe offen." Zwei wichtige Jahre blieb sie in England, eine Zeit, die sie ein Leben lang bereichert hat.

Dann ihre Tätigkeit im Schuldienst. Sie weiß um die Schwierigkeiten als Kind zu leben, fühlt sich den Kindern nahe. Wunderbar hierzu ihr Gedicht "Szene", in dem die Großen das Kind schelten, besorgt sind ach, kniet euch doch alle hin, / kniet neben das Kind, / legt einen Arm darum, und sie schließt: gefährdet alle - und doch voll Mut mit Vertrauen! Oder Zuspruch für das Kind, das Schmerzen leidet: Lass uns tapfer / lebendig sein, /... komm, gib mir / die Hand.

Aber die Liebe ... "Ehewünsche" hat Gabriele von Hippel-Schäfer und fasst sie nach langer gemeinsamer Zeit in ihrem gleichnamigen Gedicht zusammen, abschließend mit Wenn du glücklich bist, / bin ich auch glücklich, / stark genug / für die bitteren Tage, / da uns Dunkelheit/ einholt. / Mit dir / möchte ich alt werden.

Wenn uns Dunkelheit einholt - Gabriele von Hippel-Schäfer weiß sehr gut um die Dunkelseiten des Lebens, kennt den Doppelbereich, aus dem die Kraft ihrer Gedichte kommt. Ich zitiere "Neubeginn" aus ihrem Band Leih mir Atem: Ich werde wieder tief schlafen. / Ich werde lange weit wach sein. ... Die große rote Sonne / und die schöne Erde will ich besingen. Und Leben - / zu schön zum Lassen / Selbst die Greisin hält fest. / Nur der Jugend kleine Prinzen / werfen es großmütig/ fort - // für eine ferne / Rose.

Es bleibt die Liebe, es bleibt die Seele. Und die Seele / soll sie sich selbst kennen / dann im Blick / auf auch eine Seele stellt Giorgos Seferis seinem Gedicht Argonauten voran. Gabriele von Hippel-Schäfer hat diese andere Seele in ihrem Mann gefunden, ist ihm vielfältig verbunden. Daraus erwächst ein enges Verhältnis auch zu ihren beiden Kindern. So wird sie innerlich besonders berührt gewesen sein, als ihr Sohn sein Leben in den Dienst des Benediktinerordens stellte.
Und die Seele ... Sieben Reflexionen über die Seele hat sie in ihren Lyrikband Leih mir Atem aufgenommen. Fast nonchalant setzt sie an: So eine Seele / schlägt um wie das Wetter und geht im zweite Gedicht auf das Wesentliche zu: Einer / sollte sie spiegeln. Du ... Ewiger ... spiegelst sie kostbar. Die Seele trägt Gottes Bild. Und sie ist es, die den Bruder, die Schwester im anderen Menschen erkennt und in ihnen den Funken Gottes.
Innenraum - dort ist die Zeit aufgehoben, lebt auch Vergangenheit ich finde die Kindheitswiesen / mit Gänseblümchen und Löwenzahngold / wieder, schreibt Gabriele von Hippel-Schäfer in ihrem Gedichtband Aus dem Dachfenster gesehen. Und weiter: Nichtig, was trennt. Im ersten Gedicht dieses Bandes macht sie die "Bestandsaufnahme": Aus Schlacken / freigeläutert, / bewahrt das Goldgran Liebe. Und fügt im Schlussgedicht "Innenwahrheit" die Erkenntnis hinzu: ... und was das Innenauge / wahrnimmt / embryozart / hauchverschleiert / ist Weisung zu bittendem / Wirkendürfen / nicht zu sagen.

Bis die Worte rund werden / und atmen ..., schreibt sie im Gedicht "Musenkuss". Folgen wir dem Rhythmus, dem Klang ihrer Gedichte, so empfinden wir die schönen, präzisen Bilder, ihre Gedanken und Gefühle. Vieles klingt an, ihre Worte beginnen mit uns zu kommunizieren, stoßen uns an, so wie alle guten Gedichte im Leser zu leben beginnen, ihre Doppelbödigkeit offenbaren: Worte bald / gesammelt wie Schafe / die heim getrieben werden / noch vor dem / Abendgeläut.

Liebe Gabriele, Du hast wunderbare Gedichte geschrieben und Erzählungen, für Dein gesamtes Werk erhältst Du heute die Descher-Feder unserer IGdA. Wir freuen uns von Herzen darüber, Du hast sie wahrlich verdient!

Darüber hinaus bist Du unserer IGdA seit vielen Jahren eng verbunden. Dafür möchten wir alle Dir danken. Du hast das Gesicht und die Geschicke der IGdA wesentlich mitbestimmt, hast viele Jahre darüber entschieden, wer in unsere Interessengemeinschaft aufgenommen werden konnte. Eine immense, arbeitsreiche Aufgabe. Du bist seit 1988 Mitglied und gehörtest von 1990 bis 2000 dem Vorstand an. Kompetent hast Du an die Satzung erinnert, wo es nötig war, mit Sachverstand verhandelt, Du hast in aller Stille viel bewegt. Deine großen charakterlichen Qualitäten sprachen immer für sich, Du hattest es niemals nötig, Deine Stimme laut zu erheben. Daher dürfen wir das heute einmal für Dich tun. Es ist uns eine Ehre.

Ich schließe meine Laudatio für Dich mit Deinem oben teilweise zitierten Gedicht "Aufbrechen der Schneckenhäuser":

Aufbrechen der Schneckenhäuser
knirschend - und nackt, verletzlich das Fleisch
windet sich, möchte geborgen
daheim sein in eigenstem Winkel.

Schnecke, der Wind weht!
Wüstensand, Gletscherkälte
in seinem Atem. Nahe Nöte
aus allen Fernen der Welt.
Kein Versteck mehr als Heimat.
Heimat nie mehr Versteck.
Dein Haus muss die runde
Erde sein, deines und deins
und auch deines!

Aufbrechen der Schneckenhäuser
knirschend - noch mag es schmerzen.


Liebe Gabriele, über der Bibliothek von Alexandria standen die Worte "Heilstätte für die Seele".

Cordula Scheel





Veröffentlichungen:
4 Eigenbändchen Lyrik (Stein und Stern, 1978; Lieber hinter dem Mond ..., 1984; Leih mir Atem, 1989; Aus dem Dachfenster gesehen, 1996), 2 mit Erzählungen (Die Braut ist glücklich, 1985; Ein Teppich mit Ranken, 1991). Mitarbeit an Loseblattlexikon und zahlreichen Anthologien; viele Beiträge (Lyrik, erzählende Prosa, Essays, Rezensionen) für Zeitschriften und Zeitungen; auch im WDR.